Hausärzteverband Oberbergischer Kreis
Hausärzteverband Oberbergischer Kreis

Statements des Vorstandes des oberbergischen Hausärzteverbandes

20.04.2019

Statement beim "Ärztenachrichtendienst" zur Pressemeldung, dass der Präsident der Bundesärztekammer Prof. Montgomery nicht nur Pflichtimpfungen bei Masern fordert:

 

"

UN-Agenda 2030: Impfungen sind ein Teil, aber die umfassenderen Themen werden in Deutschland ausgeklammert

Die Agenda 2030 (Unterziel 3 B2: Impfungen) steht  hinsichtlich des SDG 3  mit vielen anderen Zielen in einem engen Zusammenhang, z.B. SDG 13 : Climate Action zum Klimaschutz .

 

Das ist das entscheidende Zukunftsthema des 21. Jhdts., an dem sich in den kommenden 12 Jahren der weitere Lauf unserer Zivilisation und der Lebensgrundlagen (drohender ökologischer Kollaps ca. 2080) entscheiden wird.

 

Die Zusamemnhänge mit Gesundheit  werden bislang in Deutschland regierungsseitig und ebenfalls in der deutschsprachigen Presse ausgeklammert bis auf die jetzt aufkommende Diskussion zu "Hitzeplänen" und die kommenden kommunalen Vorbereitungen.

 

Beispiel:

                im Deutschen Ärztblatt Veröffentlichungen zum Thema                       "Klimawandel" : 250 Nennungen,

 

               im British Medical Journal:    13.827 Nennungen

 

d.h. der prozentuale Anteil in Deutschland liegt bei 1,8 Prozent im Vergleich zur Zeitung der britischen Ärzteschaft!

 

Die französischen Kollegen (Conseil National de l`Ordre des Médecins ) unterstützen  von Anfang an  die Aufrufe des Weltärztebundes: "Die Ärzte stehen in der vordersten Linie in der Auseinandersetzung mit den Folgen des Klimawandels." (CNOM-Präsident 2016) und arbeiten mit den Lancet-Commissions zusammen.

 

Die deutsche Ärzteschaft führt diesbezüglich ein Schattendasein.

 

Prof. Montgomery ist inzwischen Präsident des Standing Committee of European Doctors in Brüssel und sollte die Zusammenhänge der Nachhaltigkeitsziele und die Veröffentlichungen der Lancet-Commission "Lancet-Countdown" kennen, die das Standing Committee vor fünf Monaten in Brüssel vorgestellt hat.

 

Diese Einengung stellt sowohl die Bundesärztekammer als auch unsere Körperschaften international gesehen in ein Abseits, sozusagen in ein von SGB V-Themen und dem MoH beherrschtes Biotop und flankiert von einer Fachpresse, die in keiner Weise proaktiv ist, sondern nur das widerspiegelt, was die Deutungseliten im deutschen Gesundheitswesen für bedeutsam halten.

 

Ausnahmen (soweit mir bekannt):

 

Resolution des Deutschen Hausärzteverbandes "Klimawandel und Gesundheit" vom 22.09.2019

 

Beschlussfassung der Ärztekammerversammlung BaWü in 11/2018, dass auf die zunehmende Bedeutung des Themas "Klimawandel und Gesundheit" hingeweisen werden soll.

 

Bericht im Bayerischen Ärzteblatt 04/2019 zum WHO-Special Summit zu Klimawandel und Gesundheit bei COP24 in Katowice (Bericht des Autors)

 

Beteiligung von Ärzt*innen bei Scientists4Future mit fast 28.000 Unterstützer*innen aus D,A und CH und ebenfalls als Unterstützer*innen (Wissenschaftler*innen und Promovierte) des in der aktuellen Ausgabe von SCIENCE veröffentlichten Aufrufs von Klimawissenschaftlern an alle Disziplinen weltweit, die jungen Protestler in ihren berechtigten Anliegen zu unterstützen.

Alle Regierungen haben das Pariser Abkommen unterzeichnet und es wird bei den bereits bestehenden Möglichkeiten zu wenig getan, um die entscheidenden Zielsetzungen des völkerrechtlich verbindlichem Paris-Abkommens  zu erreichen.

Dem Brief sind als Supplement die Unterschriften von Tausenden Wissenschaftler*innen weltweit auf 52 Seiten beigefügt.

https://science.sciencemag.org/content/364/6436/139.2

 

Bei dem federführenden Wissenschaftler Peter Kalmus ,UCLA, wurde die Autorisierung der Übersetzung ins Deutsche angefragt.

 

Ich persönlich kann einen BÄK-Präsidenten nicht mehr ernst nehmen, der in seiner Amtsträgerschaft keinerlei Bemühungen zu dieser großen und entscheidenden Thematik erkennen lässt. M.E. ein Prüfstein für Nachfolger*innen.

 

Es sei auch noch erwähnt, dass Direktorin Breeden der Bank of England vor einigen Tagen einen dramatischen Appell gerichtet hat, sich auf den Klimwandel einzustellen, da Werteverluste von 20 Billionen US-Dollar drohen und das gesamte Finanzsystem gefährdet sei. "Hören wir auf den Donner am Horizint", wird sie zitiert. Es kann sich jeder ausmalen, was sowohl beim ökologischen Zusammenbruch als auch Zusammenbruch der Finanzwirtschaft vom deutschen Gesundheitswesen übrigbleibt.

 

Auch die "Gesundheitswirtschaft" müsste sich diesem Überlebensthema eigentlich zuwenden und des zu einem Schwerpunktthema beim "Hauptstadtkongress" oder " Gesundheitskongress des Westens" machen.

 

Moderne Global-Health-Forschung und Planetary-Health-Forschung mit Wissenschaftler*innen aus Deutschland in internationalen Forscherteams, die in us-amerikanischen und britischen Wissenschaftsjournalen veröffentlichen (PNAS, Royal Society), greifen mit anerkannten Klimamodellen und von der NASA-erhobenen Umweltdaten (Air pollution, Greenhouse-Gases etc.) wesentliche Public Health Themen auf.

 

Ein aktuelles Beispiel:

https://www.pnas.org/content/116/15/7192

 

Es stünde der Ärztschaft in Deutschland gut an, sich für die Verknüpfung der 5 großen "P" der Agenda 2030 zu interessieren und einzusetzen in ihrer Bedeutung für die Gesundheit und auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen gegenüber den Interessen der Gesundheitswirtschaft, deren Existenz allerdings auch bedroht ist:

Bei einem dringend unbenötigten entscheidenem Kurswechsel bei gleichzeitig Divestment in Öl-,Gas- und Kohleindustrie (der Präsident des Weltärztebundes Eidelman hat im Dezember 2018 auf die Bedeutung der ärztlichen Versorgungswerke diesbezüglich hingewiesen, der fossil-fuel-Industrie die Investitionen zu entziehen !) können alle nicht nur überleben, sondern auch gewinnen:

 

People

Planet

Prosperity

Peace

Partnership

 

https://www.bmz.de/de/ministerium/ziele/2030_agenda/

https://www.un.org/en/sections/issues-depth/climate-change/

https://www.un.org/sustainabledevelopment/sustainable-development-goals/

18.03.2018

 

Belastbarkeit von Hausärztinnen und Hausärzten und Auswirkung auf die Arzt-Patienten-Beziehung


Konsequenzen für ein fürsorgliches System auch für die Behandler

Statement des Vorstandes des oberbergischen Hausärzteverbandes:


Laut Forschungsergebnissen dauert der durchschnittliche hausärztliche Patientenkontakt in Deutschland 8 Minuten.


1/3 der befragten Hausärzte in OECD-Staaten gaben Erschöpfungssyndrome und Burn-out an (Ergebnis einer systematischen Review: 119 eingeschlossene Studien aus 67 Ländern mit 25,8 Mio. Patientenkontakten, veröffentlicht im BMJ in 10/2017).

Unter chron. Dauerstress verändert sich die Wahrnehmung von Patientenanliegen und es kann zu unangemessenen Verhaltensweisen von Ärzten kommen bei hohem eigenen Erkrankungsrisiko. Patienten werden unter "Fight or Flight"-Wahrnehmung gesehen.


Eine patientenzentrierte Versorgung (Paradigmenwechsel der Weltgesundheitsorganisation und des Weltärztebundes)  oder auch eine richtlinienkonforme  Versorgung sind unter diesen Bedingungen nicht durchführbar.
Der Einfluss von Stressmodus auf Wahrnhmung und Verhalten ist seit Jahrzehnten umfangreich belegt und durch die neuere Stressforschung hinsichtlich der Cortisolwirkung
auf neuronale Abläufe und andere physiologische Parameter und die daraus folgende Morbidität dargestellt.

Gerade in der hausärztlichen Medizin als Beziehungsmedizin sind Kommunikation , Wahrnehmung der Patientensituation als hermeneutischer und dialogischer Prozess und Reflexion des eigenen Verhaltens nicht nur unabdingbare Voraussetzungen, sondern auch durch Arbeitsfeldbedingungen
bedingt. Die Wirkstärke bei diesen Voraussetzungen, ergänzt durch reflektierte Kommunikationstechniken (WWSZ,NURSE und Motivational Interviewing) bei Anamnese und Gespräch und ergänzt durch körperliche Untersuchung (wird von Patientenseite als Zuwendung wahrgenommen) ist auch bei schwierigen
und chronisch kranken Patienten  und bei stigmatisierten Gruppen stark. Nach Statement des Präsidenten der WMA Desai kann eine erfolgreiche Behandlung nur als patientenzentrierte Behandlung gelingen und nicht als eine organspezifische, technische und fragmentierte Behandlung (WMA-Journal Okt. 2017).

In der Behandlung z.B.von schwer Opiatabhängigen im Rahmen von Substitutionsbehandlung , zumeist von Hausärzten durchgeführt, ist die Wirkstärke nicht nur durch das Substitutionsmittel bedingt,
sondern durch einen auf Kommunikation aufbauenden begleitenden Therapieplan bei Akzeptanz einer schweren Abhängigkeit. Die weltweit größte sechsjährige Follow-up-Studie dazu mit
2.600 eingeschlossenen PAtienten wurde in Deutschland mit Mitteln des BMFT durchgeführt (PREMOS-Studie). Sie zeigt, wie weitgehend kritische Outcomes in einer weitgehend hausärztlich durchgeführten Langzeitbehandlung, die auf der Bereitschaft beruht, sich auf ein "schwieriges" Terrain zu begeben, gesenkt werden können:

Reduktion der Mortalität: 66%
Reduktion der Verelendung und Kriminalisierung: 80%
NNT für einen stabilen, beigebrauchsfreien Verlauf: 2 (!)
Besserung der psychischen Begleiterkrankungen: 69%
Kriminalisierungsrate: 3%  (vorher enorm zumeist durch Beschaffungskriminalität)

Behandlungsbereitschaft zu einer engagierten Betreuung von depressiven Ptienten in Hausarztpraxen: ca. 30 v.H. (Oldenburger Studie).


Pos. Auswirkungen auf Verläufe von depressiven Patienten im hausärztlichen Behandlungssetting (lt. Versorgungsforschung ca. 68% aller Patienten mit affektiven Störungen werden ausschließlich durch Hausärzte behandelt) sind nachgewiesen u.a. durch die Arbeiten von Prof. Gerlach u.a.,Frankfurt.
Die Prävalenz von depressiven Patienten in Hausarztpraxen: ca. 10 v.H.

Hinzu kommt der hohe Anteil an multimorbiden und chronisch Kranken, die ebenfalls in einem patientenzentrierten Ansatz nicht fragmentiert werden dürfen.
Allein die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin hat eine Meta-Leitlinie für "Multimorbidität" vorgelegt , die das komplexe Geschehen und Entscheidungs- und Betreuungsfeld darlegt und eine hohe Aufmerksamkeit erfordert.

Die hausärztlich breit gefächerte Behandlung als kontinuierliche und umfangreiche Behandlung benötigt also Ärztinnen und Ärzte, die nicht im Dauerstress arbeiten.
Dieser ist bedingt durch überlange Arbeitszeiten und hohe Patientenfrequenz.

 International und in Forschungsansätzen dazu werden überlange Arbeitszeiten als Arbeitszeiten von über  48 Wochenstunden definiert.
Die meisten Hausärzte in den Landkreisen liegen mit der Wochenarbeitszeit  weit darüber. Für Oberberg haben wir  918 Überstunden pro Jahr pro Hausarzt gegenüber angestellten
Ärzten ermittelt. Die Kolleginnen und Kollegen geben im QZ an, ihre Kapazitätsgrenzen erreicht zu haben mit 6-8 Patienten pro Stunde und 60-Wochenstunde.
Die meisten arbeiten also im "Stress-Modus" und zwar chronisch.

Das Burn-out- Risiko wird unter diesen BElastungen mit ca. 30% eingeschätzt.

Sowohl im Qualitätszirkel  als auch in  für das IhF durchgeführten 2 Seminaren zu "Kommunikation in der Hausarztpraxis" als interaktives Format Reflexion zu den  Arbeitsbedingungen und Wahrnehmung zur Arzt-Patienteninteraktion unter Stress der Kollegen wurde eine 10-Minuten Termin-Taktung als sinnvoll angesehen, ebenfalls Pausenzeiten (Mittagspause), und Triagierung zu Patientenanliegen.

Wenn man eine 10 Minuten-Taktung  konsentiert als sinnvoll annimmt , um nicht im Stress-Modus zu arbeiten, und eine 40 Wochenstunde zugrundelegt inkl. Büroarbeit und Fortbildung ,kommt man  bei einer aus der Literatur entnommenen durchschnittlichen Häufigkeit von Arzt-Patienten-Kontakten und eigenen Ermittlungen zu folgenden Ergebnissen:

40-Stunden-Hausarzttätigkeit ohne chron. Dauerbelastung:

740 Behandlungsfälle pro Quartal als Kapazitätsgrenze


20-Stunden-Hausarzttätigkeit "                                               :

370 Behandlungfälle pro Quartal als Kapazitätsgrenze


26-Stunden-Hausarzttätigkeit "  (bei Mix von Vollzeit- und Teilzeitstellen in Hausarztzentren):

444 Behandlungsfälle pro Quartal als Kapazitätsgrenze.

Durch Delegation an qualifiziertes Personal (VerAH, EVA) kann es zu Verschiebungen kommen (u.E. max. 10-12 Prozent).

Technik und Digitalisierung müssen ergänzend eingesetzt werden und dürfen zu keiner höheren zeitlichen Beanspruchung führen, was das Anspruchsniveau an Funktionalität und Workflow definiert und bei Innovationen kritisch geprüft werden muss.

Die Bürokratielast muss eindeutig gesenkt werden und ebenfalls die Androhung durch Sanktionen, die als Hintergrundbedrohung stressverstärkend wirken.

Die Körperschaften sollten diesbezüglich eine mehr schützende Funktion wahrnehmen oder die Berufsverbände sich als starke und auch kampfbereite Interessenverbände
entwickeln. Viele Kolleginnen und Kollegen haben diesbezüglich desillusionierende Erfahrungen gemacht und versuchen, "Überlebensstrategien" zu entwickeln oder opfern sich
im altruistischen Ideal auf.
Ohne klare Botschaft hinsichtlich Solidarität und Schutzbedürfnis und Eingehen auf die subjektiv belastenden Faktoren kommen wir nicht weiter, wenn wir nur "besseres" Vertragsmanagement oder "bessere" Qualifikationen i.S. eines besseren Funktionieren im Systems anbieten.


Das sind unseres Erachtens  auch genau die Botschaften für den Nachwuchs: Wir kämpfen gegen Selbstausbeutung und stellen die hausärztliche Versorgung auf gesunde Füße, in den Landkreisen (Mehrzahl der Bevölkerung) wie auch in den Städten. Ganz gleich, ob alleine niedergelassen oder in BAG: der Rahmen muss stimmen und die Arbeitsbedingungen, dann kann man in diesem vielfältigen Beruf wunderbar arbeiten und mit den Belastungen umgehen.


Wer das Interview von Prof.Wasem in der Ärztezeitung gelesen hat und die Konstruktion des G-BA (13-er Gremium mit drei Unparteiischen und sonst: KBV,DKG, GKV-SpiBu) weiß, dass die Faktoren Arbeitsbelastung und Folgen in diesem System keinerlei Beachtung finden und über Richtlinien nur Soll-Bestimmungen formuliert werden und ein "wissenschaftlich" formuliertes Entgeltsystem.


Die Folgen werden also privatisiert. Das trifft auch für den Arbeitsplatz Krankenhaus zu. Die Abstimmung mit den Füßen zeichnet sich ja schon ab.

Wenn es also gelingt, ein  fürsorgliches System zu implementieren, werden wir  Zulauf bekommen, wenn wir uns nur am bürokratischen Management beteiligen, werden wir scheitern.

 

 

 

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